WIE EIS –  LIKE ICE

Weinviertler Fotowochen 2026

Workshop Judith Neunhäuserer:  25.7. – 1.8.2026

Wie Eis. Die Temperaturen steigen, das ewige Eis schmilzt. Inseln werden verschwinden und die darauf ansässigen Menschen zur Migration gezwungen. Nicht nur der Planet kocht über, sondern auch das politische Klima. Es scheint absurd, dass die Hitze, die unser Ökosystem zerstören wird, durch soziale Kälte verursacht wird. Die vehementesten Leugner der Klimakatastrophe sind auch diejenigen, die mit unverhohlener Brutalität Menschen deportieren, ganze Landstriche devastieren, Lebensgrundlagen zerstören. No Future!, der Slogan der Punk-Generation wurde von den Technofeudalisten appropriiert und kommerzialisiert. Milliardäre müssen sich um die Zukunft, die nicht mehr existiert, keine Sorgen machen.

Es wird wieder der heißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen werden. Deshalb laden wir ins bewährte Format der Weinviertler Fotowochen eine Workshopleiterin, die im wahrsten Sinn des Wortes aus der Kälte kommt: Judith Neunhäuserer hat künstlerische Forschung sowohl in der Antarktis als auch in der Arktis betrieben, etwa auf Einladung des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Ihre künstlerisch/wissenschaftlichen Projekte wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen, Symposien und Festivals präsentiert. Gemeinsam mit den Teilnehmer:innen der Fotowochen wird sie Projekte erarbeiten und vor Ort realisieren. Ein Vortrag, eine Ausstellung mit Workshopergebnissen und das traditionelle Fotofest im Schlosshof ergänzen das Programm.

Like Ice. Temperatures are rising, the eternal ice is melting. Islands will disappear and the people living on them will be forced to migrate. Not only is the planet boiling over, but so is the political climate. It seems absurd that the heat that will destroy our ecosystem is caused by social coldness. The most vehement deniers of the climate catastrophe are also those who deport people with undisguised brutality, devastate entire regions and destroy livelihoods. No Future!, the slogan of the punk generation, has been appropriated and commercialised by the techno-feudalists. Billionaires don’t have to worry about a future that no longer exists.

It will be again the hottest summer since records began. That’s why we are inviting a workshop leader who literally comes from the cold: Judith Neunhäuserer has conducted artistic research in Antarctica as well as in Arctica, for example at the invitation of the Alfred-Wegener-Institute in Bremerhaven. Her artistic/scientific projects have been presented in numerous international exhibitions, symposia and festivals. Together with the participants, she will develop projects and realise them on site. A lecture, an exhibition with workshop results and the traditional party in the castle courtyard complete the programme.

Workshop mit Judith Neunhäuserer

25.7. – 1.8.2026 . Kursbeitrag/Fee € 280,–

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Judith Neunhäuserer, Ice Core, 2018

Judith Neunhäuserer, Ice Core, 2018

Wie Eis

In der Eiszeit wäre die Menschheit fast erfroren. Alle, die heute leben, stammen von wenigen Tausend Individuen ab. ‚In die Erinnerung eingebrannte Einbildungskraft‘ […], ein durch Kälte geschärftes Urteilsvermögen ist die Quelle dessen, was in weniger schweren Zeiten für ‚Schönheitssinn‘ gehalten wird.

Alexander Kluge, Die Entstehung des Schönheitssinns aus dem Eis, 2005

Wir treffen uns im Hochsommer und teilen Geschichten aus der Kälte. Die Erinnerung an den Winter wird zu Bildern von Eis, die in Zukunft vor allem im Gedächtnis fortbestehen werden. Das Phänomen Eis – Kristalle, Gletscher, Polregionen – wurde im Zeitalter der Romantik in der Wissenschaft und Literatur nicht nur physikalisch gedeutet, sondern symbolisch und spirituell aufgeladen. Wissenschaftliche Entdeckungen zeigten, dass Eis nicht totes Material ist, sondern vitale organische Eigenschaften besitzt; es wurde zum Spiegel für metaphysische Fragen. Im Workshop finden wir heraus, in welchen Formen Eis auftritt und mit welchen Assoziationen es versehen ist.

Nicht nur persönliche Erinnerung lässt Eis zum Archivmaterial werden. Das älteste Eis unseres Planeten bildet tatsächlich ein „natürliches Archiv“: Die Polargebiete sind wichtige und durch die Klimaerwärmung gefährdete Speicher des Wissens über Erd- und Menschheitsgeschichte. Analysen von Bohrkernen aus Gletschern und Eisschilden liefern Informationen über das Klima der Vergangenheit; die erhaltenen Daten werden für Klimamodelle genutzt, um zukünftige Entwicklungen vorherzusagen.

Im Workshop erstellen wir unsere eigenen „Bohrkerne“. Wir durchforsten unsere persönlichen Archive und arbeiten gemeinsam an einem „Atlas der Kälte“. Die leitende Frage dabei: Ist Eis immer noch eine negativ besetzte Metapher, auf Starrheit, Gefühlskälte und (übermäßige) Rationalität verweisend, oder mittlerweile auch ein Hoffnungssymbol, ein Versprechen, ein Trigger von Nostalgie?
In Gruppenarbeit entstehen Tableaus und eine Serie von Mini-Publikationen als „Bibliothek des Winters“, sowie singuläre künstlerische Foto-, Video- oder Soundarbeiten, die in der Abschlussausstellung Erinnerungen an Kälte hervorrufen.

Like Ice

During the Ice Age, humanity nearly froze to death. All those living today are descended from a few thousand individuals. “Imagination burned into memory” […], a judgement sharpened by cold, is the source of what is considered “aesthetic sense” in less severe times.

Alexander Kluge, The Origin of Aesthetic Sense from Ice, 2005

We meet in midsummer and share stories from the cold. Memories of winter become images of ice that will live on in our minds, especially in the future. The phenomenon of ice—crystals, glaciers, polar regions—was not only interpreted physically in science and literature during the Romantic era, but also charged with symbolic and spiritual meaning. Scientific discoveries showed that ice is not dead material, but has vital organic properties; it became a mirror for metaphysical questions. In the workshop, we find out in what forms ice occurs and what associations it has.

It is not only personal memories that turn ice into archive material. The oldest ice on our planet actually forms a ‘natural archive’: the polar regions are important repositories of knowledge about the history of the Earth and humankind, but they are endangered by global warming. Analyses of drill cores from glaciers and ice sheets provide information about the climate of the past; the data obtained is used for climate models to predict future developments.

In the workshop, we will create our own ‘drill cores’. We will comb through our personal archives and work together on an ‘atlas of cold’. The guiding question here is: Is ice still a negatively connotated metaphor, referring to rigidity, emotional coldness and (excessive) rationality, or has it now also become a symbol of hope, a promise, a trigger of nostalgia?
Working in groups, we will create tableaux and a series of minipublications as a ‘library of winter,’ as well as unique artistic photo, video, or sound works that evoke memories of cold in the final exhibition.

Judith Neunhäuserer

JUDITH NEUNHÄUSERER

geboren in Bruneck, Südtirol, ist eine international tätige bildende Künstlerin, die in München lebt und arbeitet. Sie studierte Bildhauerei sowie Religions- und Kulturwissenschaft in München und Istanbul. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sie verschiedene Medien – von Zeichnung, Objekt und Installation bis zu Video, Performance und Text – und untersucht dabei Bilder und Geschichten aus Wissenschaft, Religion und deren Schnittmenge.

Neunhäuserers Arbeit ist geprägt von Expeditionen in extreme Umgebungen: Sie reiste zur Antarktis- Forschungsstation Neumayer III, fuhr auf einem Containerschiff über den Atlantik und segelte die Westküste von Spitzbergen im arktischen Ozean entlang. Diese Erfahrungen prägen neben einer kontinuierlichen Literaturrecherche ihre Auseinandersetzung mit den Polargebieten unseres Planeten sowie mit historischen und politischen Fragen rund um den menschengemachten Klimawandel.

Judith Neunhäuserer erhielt viele Stipendien und Auszeichnungen, darunter den Preis des Landes Südtirol im Österreichischen Grafikwettbewerb (Innsbruck, 2023) und den Premio EARTH (Verona, 2024). Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Einzelausstellungen und Gruppenausstellungen in Galerien, Kunsträumen und Institutionen gezeigt. Sie veröffentlichte bisher Albedo (2018), Tekeli-li (2021) und Old Ice and Us (2024) und vermittelt ihre künstlerische Forschung darüber hinaus in Workshops und Vorträgen.

Judith Neunhäuserer

Allgemeine Informationen

Anmeldung / Einschreibung

Bitte die Anmeldung per Post oder email bis spätestens 15.7.2026 an FLUSS – NÖ Initiative für Foto- und Medienkunst, Schlossplatz 2, A 2120 Wolkersdorf einsenden. Ab fünf Teilnehmer:innen kommt der Kurs zustande. Aus Raumgründen und zur Gewährleistung einer guten Betreuung ist die Teilnehmer:innenanzahl nach oben ebenfalls beschränkt. Von der Aufnahme werden die Teilnehmer:innen so rasch wie möglich verständigt.

Kursort / Kursgebühr / Material / Ausstellung

Kursort: Schloss Wolkersdorf großer Saal und Galerie 1+2, Schlossplatz 2, A 2120 Wolkersdorf
Kursgebühr: Euro 280.–. Anreise und Unterkunft sind nicht in der Kursgebühr enthalten.

Seminarräume und Labor stehen den Teilnehmer:innen während der Kursdauer unentgeltlich zur Verfügung. Spezielle Materialien sind mitzubringen. Die Kursteilnehmer:innen werden gebeten, wenn möglich auch ihre eigenen Laptops und Kameras zu verwenden.vEine abschließende Gemeinschaftsausstellung ist vom 1.8. – 30.8.2026 in der Galerie im Schloss Wolkersdorf geplant.

Einzahlung der Kursgebühr

Die Kursgebühr bitte bis spätestens eine Woche vor Kursbeginn einzahlen, nur bei rechtzeitiger Bezahlung der Kursgebühr ist der Studienplatz gesichert.
IBAN: AT76 2011 1220 1227 0100 BIC: GIBAATWWXXX

Rücktritt / Stornierung

Rücktritt vor Kursbeginn: Bereits bezahlte Kursgebühr wird rücküberwiesen. Rücktritt nach Kursbeginn: Eine Rückerstattung von anteiligen Kursgebühren ist nicht möglich.

Versicherung

Der Veranstalter haftet nicht für Unfälle, Diebstähle oder Schäden aller Art, die sich während des Unterrichts ereignen.

Sonstiges

Der Kursort Wolkersdorf ist mit den Bahnlinien REX2, S2 und S7 von Wien Mitte aus erreichbar, die Anfahrt mit dem Auto ist über die Brünnerstraße oder A5 Richtung Brünn möglich. Falls Sie für die Kursdauer ein Quartier in Wolkersdorf benötigen, senden wir Ihnen gerne eine Liste von Unterkunftsmöglichkeiten zu.