kuratiert von alien productions
Walter Ebenhofer, mur.sat: AIRFLOW, Gebhard Sengmüller, Fernando Martín Velazco
13. 9. 2025 – 12. 10. 2025
4. 10. 2025, 18 – 24 Uhr ORF-Lange Nacht der Museen, Kuratorenführungen
Drohnen sind Mittel, sich zumindest virtuell in die dritte Dimension zu bewegen. Wer nicht selbst fliegt, operiert einen Stellvertreter, eine Wahrnehmungsmaschine, die den Standpunkt vom eigenen Körper entfernt. Diese Dissoziation erzeugt ein Taumeln, die Maschine bewegt sich nicht wie der eigene Körper, muss aber gelenkt werden, als wäre sie Körper. Die Drohne kann auch schwärmen, dann bewegt sie sich in Beziehung zu anderen Drohnen und Hindernissen im Schwarmverhalten.
Schwarmverhalten ist ein Spiel der instabilen Beziehungen von Nähe und Ferne. Beziehungsweisen in ständiger prekärer Bewegung. Der Gewinn der dritten Dimension bringt den Verlust des Bodens, des Grundes, auf dem wir stehen. Der Blick aber ist von oben.

Gebhard Sengmüller: Infrastruktur:Almkanal 2025
Der Salzburger Almkanal, dessen Entstehung zum Teil schon auf das achte Jahrhundert zurückgeht, war für lange Zeit eine für die Stadt entscheidende Infrastruktur. Aus der Königsseeache kommend und sich im letzten Drittel auf sieben Arme verzweigend diente der Kanal hauptsächlich als Energiequelle für Mühlen und Fabriken, aber auch zur Wasserversorgung, Entwässerung, oder – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts! – auch als Unratkanal. Nach einer Phase des Verfalls ab dem frühen 20. Jahrhundert wurde das Gewässer erst seit den 1970er Jahren als Kulturdenkmal und Naherholungsgebiet saniert.
Auf dem oberen Screen meiner 2-Kanal Videoinstallation folgt eine autonom fliegende Kameradrohne, stets genordet, nach unten blickend und mit konstanter Flughöhe (90 m) und Geschwindigkeit (2,5 m/s, das entspricht der durchschnittlichen Fließgeschwindigkeit des Almkanalwassers an seiner Oberfläche) dem gegenwärtigen Verlauf des Kanals. Die Aufnahme beginnt am Salzburger Stadtrand mit einer langen Gerade mit waldigen und dann locker bebauten Ufern, beobachtet Fußgänger:innen, Radfahrer:innen und Surfer:innen. Je mehr sich der Verlauf dem Zentrum nähert – ich habe im letzten Kanalabschnitt den Müllnerarm gewählt – verdichtet sich die Szenerie. Der Verlauf wird kurviger, weicht aus, führt durch dichte Bebauung und verschwindet zeitweise ganz im Untergrund. Am Ende vermischt sich das klare Wasser des Almkanals mit dem der Salzach.
Auf einem zweiten Screen scrollt eine historische Landkarte – der Franziszeischen Kataster, der von 1817 bis 1861 erstellte erste vollständige österreichische Liegenschaftskataster – dem damaligen Verlauf des Almkanals entlang. Ein roter Punkt zeigt die aktuelle Position des gerade am oberen Screen sichtbaren Bildausschnitts. So wird auf die ursprüngliche Nutzung des Gewässers verwiesen, Differenzen im Verlauf werden sichtbar. (Gebhard Sengmüller)

Gebhard Sengmüller: Almkanal:Infrarot 2025
Wie in meiner Arbeit Infrastruktur:Almkanal folgt eine autonom fliegende Kameradrohne,nach unten blickend und mit konstanter Flughöhe (90 m) dem aktuellen Verlauf des Almkanals im Salzburger Stadtgebiet. Diesmal jedoch dient eine Wärmebildkamera mit Infrarotsensor als Bildgeber. So wird eine detaillierte Karte der Oberflächentemperatur entlang des gesamten 7 km langen Kanalverlaufs erstellt. Es wird sichtbar, wie groß schon an einem Frühlingstag mit einer Lufttemperatur von 26° C um 16 Uhr der Temperaturunterschied zwischen Wasser (dunkelblau, ca 10° C) und Dächern (hellgelb, ca 40° C) ist.
Die so entstandenen Einzelbilder füge ich zu einem kontinuierlichen Bildstreifen zusammen, der danach zur besseren Darstellung begradigt und auf ein Rechteck von 160 x 94 cm komprimiert wird. Das ermöglicht einen Blick auf den gesamten Almkanal, von der Salzburger Stadtgrenze links oben bis zur Einmündung in die Salzach rechts unten. Eine Analyse der Wechselwirkung eines Fließgewässers mit dem unbebauten und später städtisch verdichteten Raum bietet sich an. (Gebhard Sengmüller)

Gebhard Sengmüller: Tracing Massena, 2024
In Kollaboration mit der New Yorker Künstlerin Rachel Stevens arbeite ich seit 2022 an Place of the Big River, einem Forschungs-, Mapping-, Fotografie- und Videoprojekt in der Umgebung von Massena im Bundesstaat New York. Das Vorhaben, das am Standort von zwei riesigen Infrastrukturprojekten (dem St. Lawrence Seaway und dem Moses-Saunders Power Dam), einer teils historischen Aluminiumindustrie und drei Altlastensanierungs-Standorten angesiedelt ist, untersucht infrastrukturelle, ökologische und territoriale Verflechtungen am St. Lawrence River, der dort an drei Gebiete grenzt: Kanada, die Vereinigten Staaten und das autonome Akwesasne-Mohawk-Territorium. Meine in diesem Rahmen entstandene Arbeit Tracing Massena handelt von fünf Orten in dieser Region, die mit von mir programmierten autonomen Kameradrohnen überflogen wurden. Fünf Bildtafeln zeigen „Spuren“ dieser Überflüge, zusammengesetzt aus Videostills der dabei entstandenen Videoaufnahmen. (Gebhard Sengmüller)

Walter Ebenhofer: Insektenflüge_Schwärme 2017-2025
Insektenflüge_Schwärme zeigen meist mottenartige Insekten (Nachtfalter) in starkem Scheinwerferlicht über einer Wasseroberfläche von einer darüber befindlichen Brücke fotografiert. Der Arbeit widmete ich mich verstärkt in den Jahren 2017, 2021, 2022 und 2025.
Ein chaotisch wirkendes Treiben, das An- und Abschwellen der Flugfrequenz in mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen, sowie ein absurd wirkendes schraubenartiges Flugbild können auch ein absichtsvolles Konzept vermuten lassen. Wissenschaftlich gibt es die Theorie, dass sich die Insekten bei den nächtlichen Flügen in einem bestimmten Winkel (40 Grad) zum Mondlicht orientieren. Scheinwerferlicht stört diese Orientierung. Dies wird aber wiederum wissenschaftlich angezweifelt.
Andere Gruppen vertreten die Ansicht, dass die Insekten durch das starke Scheinwerferlicht geradezu außer sich – in Ekstase – geraten. Licht als Droge?
Die tierischen Flieger scheinen förmlich f ü r das Licht zu schwärmen. Ich kann keine offensichtlichen Zusammenstöße erkennen, was auf eine hervorragende Kommunikation miteinander hindeutet. Mich fasziniert jedenfalls das ständige An- und Abschwellen der Flugfrequenz als Schauspiel.
Ich bevorzuge für Ausstellungen, bei jeweiliger aktueller Durchsicht der zahlreichen Aufnahmen, nach meiner unmittelbaren Befindlichkeit und Leidenschaft andere Darstellungsweisen, Ausarbeitungsmethoden und Präsentationen – meine momentane „Schwärmerei“ kann zu jeweils anderen Ergebnissen führen. Es gibt keine „beste“, will heißen eindeutig bevorzugte Lösung. Manche Lösungen wähle ich trotzdem öfter. (Walter Ebenhofer)


Fernando Martín Velazco: Meyijbén 2021
Meyijbén entstand im Rahmen des langfristigen ethnoakustischen und performativen Forschungszyklus “The Leviathan’s Playing“ (2017–2021) (https://doi.org/10.1162/leon_a_02260). Dieser konzentrierte sich auf Interaktionen zwischen Menschen und Grauwalen während deren Anwesenheit in der Vizcaino-Bucht in Baja California Sur (Mexiko) im Winter. Das Werk ist als eine Feier der Artenvielfalt und als performatives Vermittlungssystem mit Walen konzipiert, das sowohl mit poetischen als auch mit wissenschaftlichen Methoden angegangen wird.
Interpreten und Recherche: Fernando Martin Velazco & Guadalupe Lobos
Kamera:: Rodrigo Iturralde
By Stultifera Navis


mur.sat: AIRFLOW 2012
Sonifikationen eines Videos von einem Wetterballonflug im Zuge des mur.sat Projekts. mur.sat war ein collaboratives Weltraumkunstprojekt von mur.at, ESC medien kunst labor und realraum in Österreich, dessen Ziel es war, einen Pikosatelliten namens mursat1 in die erdnahe Umlaufbahn zu schicken, um den öffentlichen Raum für experimentelle, nicht-institutionelle Forschung zu erkunden und zu erweitern.
Der Hintergrund: Wir wollten und mussten das Kommunikationsmodul, das auf mursat1 installiert werden sollte, testen, um sicherzugehen, dass es das tut, was wir wollen. Am besten ging das, indem wir es an einem Wetterballon befestigten, denn so konnten wir die Hardware nach dem Flug wieder zurückholen. Ausgestattet mit einem speziellen
GPS-Sender, der eine größere Reichweite als normal hatte (mehr als 10 km), konnte es nach der Landung auf der Erde wiedergefunden werden. Wir haben die Videoaufzeichnung vom Start in Graz im Juli 2011 von OE6XAD, Sender Dobl, mit besonderer Unterstützung von Hubert Tschugmell, OE6THH, und Christian Lammer, OE6LCF, erhalten.
Richie Herbst, Maru und Reni Hofmüller haben sich ein System ausgedacht: Wir haben das Video in 23 Ausschnitte geschnitten und sie etwa 30 Musikern angeboten, damit sie sich von den Bildern inspirieren lassen und sie vertont. (Richie Herbst)
Die Musikstücke in chronologischer Abfolge:
Lift Off – Reni Hofmüller
Difference Engine Air – alien productions
L’Apesso – Patrizia Oliva
#04 – Anna Kropfelder
AirSinKing – Neuf Meuf
The sunny side is up. – rain in milan
no music for a dancing nomad – Adam McCartney
la guerra tra le nuvolebis – urkuma
Balloon09 – Kauders
LUFT – Stroblak
Ballon 11 – Lepenik
Where Is Pixendorf? – Michael Fischer
#13 – Grit Ruhland
walking on clouds i feel safe and real – Yulan Yu
live @ Stockwerk – Styrian Improvisers Orchestra
We Will Fail – Cherry Sunkist
ErzHans – Mussurunga
ballon18 – Jikuuuuuuuuu
BALLOON NR 19 – Maja Delak and Luka Prinčič
the bridge – Caroline/Seda
airflow – Herbst
rdeca_raketa_ballon – Rdeca Raketa
ooo-balOOOn – ooo / Höfler






