HERZENSANGELEGENHEITEN werden in unserer virtualisierten Welt immer wieder neu definiert. So ist die allgemein schnelle Verfügbarkeit von potentiellen Partner:innen über Dating Apps zu hinterfragen – emotionale Partner:innen werden schnell gedated und umso schneller wieder deleted. Dieses Konsumangebot weckt wieder den Wunsch nach tiefen Beziehungen, sei es im Wiederaufleben von traditionellen Mustern als auch in der Suche nach neuen, polyamoren oder patchworkartigen Beziehungen. Auch sind Maschinen längst emotionale Partner:innen von Menschen geworden, z.B. in der Pflege von dementen Personen. Und so stellt sich die Frage, ob Menschen und Maschinen Gefühle zueinander entwickeln können und wie sich solche gestalten würden.
Der virtuelle Aspekt des HERZENS weist darauf hin, dass Gefühle und Intimität vor allem auch sozial erlernte Strukturen sind. „In Theoretical China there’s no word for Love“ sagt Wiston Tong, von dem auch der Titel der Ausstellung stammt:
Pain and pleasure, twist and bind / Contradicting body and mind / Passion′s play should end in bullet‘s bite / But love is war with no end in sight / Reports from the heart give me the news. (Winston Tong, Reports from the Heart)
Welche Rolle spielt das HERZ im emotionalen Haushalt einer postfaktischen Welt? Die Ausstellung geht dieser Frage anhand von beispielhaften Werken aus den letzten 30 Jahren nach.

Ausstellungsfotos: Michael Michlmayr

Martin Breindl:
Ohne Titel, 2014, Lack auf Securitglas, 56 x 115 cm
Ohne Titel, 2010, Lack auf Schürze, 98 x 76 cm
Martin Breindls Wortbilder bilden die formale Klammer der Ausstellung. Analog zu Freudschen Versprechern nimmt er Verleser zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Er missversteht die von ihm vorgefundenen Worte absichtlich oder unabsichtlich. Indem er Oberflächen verschiedener Objekte mit seinen Fehlinterpretationen beschreibt, verändert er
ihre alltäglichen Bezüge und Bedeutungen – er verschreibt sie (und sich); so kann es geschehen, dass aus gängigen, oft gedankenlos geäußerten oder platzierten Grußformeln (man denke an Fußabstreifer vor Wohnungstüren) plötzlich Ironisches oder Abgründiges hervortritt, und so ihre verborgenen poetischen, anarchischen oder philosophischen Dimensionen freigesetzt werden.

LeMoon & Ethereal Gwirl:
Coeur noir, 2025, Lambdaprints auf Alu-Dibond kaschiert, je 50 x 28 cm
Love Bytes: Ai-mee is Heartless, 2024, Video, 3‘00“
Ob eine Rückbesinnung auf traditionelle Beziehungsmuster, und damit auf Klischees und Stereotype, in der heutigen Zeit eine gute Strategie sein kann, hinterfragt das Duo Le Moon & Ethereal Gwirl auf abgründige Weise. Genau wie ein Mensch auf der vergeblichen Suche nach dem perfekten Partner im Internet, versucht das Robotermädchen Ai-mee für
sich im Video Love Bytes: Ai-mee is Heartless online ein Herz zu beschaffen: „Many days at the computer she wasted and spent generating images about Love and Desire but she feared she‘d never have what she longed for the most as there was no heart inside her metal attire.“ Was im Video im Stil einer Erzählung für Kinder am Ende noch augenzwinkernd
als „Moral von der Geschichte“ angeboten wird, erfährt in der Serie Coeur Noir seinen endgültigen schwarzhumorigen Twist: die Konstruktion einer idealen Partner:in mit Mitteln der Künstlichen Intelligenz. Die Wunschmaschine erfüllt das (menschliche?) Begehren in einem Höllentrip. Herzen sind hier zwar im Übermaß vorhanden, aber bloß als Sticker, die an Oberflächen kleben und nicht mehr in eine Tiefe dringen können, die im Hochglanzformat ohnehin nicht mehr existiert.


Granular Synthesis (Kurt Hentschläger & Ulf Langheinrich):
Sweetheart, 1997, Single Channel Video, Stereo Sound, 12‘12“
In Sweetheart wird die Performance einer Butoh-Tänzerin (Akemi Takeya) vermittels eines Granularsynthese-Programms in Bild und Ton in kleinste Einheiten zerlegt und rekombiniert, sodass der Eindruck einer künstlichen Person entsteht, deren Bewegungen und Ausdruck nichts Menschliches mehr anmutet. Hier repräsentiert kein Avatar einen Menschen, sondern der Mensch wird zu seinem eigenen Avatar. Das Maschinell/Artifizielle dieser Arbeit verweist auf die rasante technische Entwicklung dieser Zeit und die transhumanistische Vorstellung, das menschliche Wesen komplett in Bits und Bytes zerlegen und in ein Computersystem einspielen zu können, um so Unsterblichkeit zu erlangen. Sweetheart wurde 1997 für die visionäre Ausstellungsreihe MEDIEN APPARATE KUNST in Auftrag gegeben, die von Birgit Flos in Wien kuratiert wurde.Das Werk entstand als eine Reihe von kurzen audiovisuellen, seltsamen Clips, die im gesamten Programm des ORF gezeigt werden sollten, und wurde schließlich in „Kunststücke“ ausgestrahlt. Das ambitionierte ursprüngliche Konzept, Sweetheart-Fragmente als überraschende, verwirrende Einblendungen im gesamten Tagesprogramm zu zeigen, wurde nach zahlreichen Besprechungen schließlich von der internen ORF-Bewertungsabteilung abgelehnt. Der Grund: Es sei zu kontextfremd und für ein allgemeines und wahrscheinlich verstörtes Fernsehpublikum ungeeignet.

Isa Stein:
The Matter of the Heart (Asphalt, Sand, Schnee), 2021, C-Prints, gerahmt, 70 x 100, 100 x 100 cm, Video
Isa Stein zeichnet den Landschaften mit ihrem eigenen Körper Herzen ein. Die Oberflächen sind unterschiedlich: rauher Asphalt, feiner Sand, kalter Schnee. Die Haare, Hände und Füße der Künstlerin werden zu performativen Werkzeugen.
„Performance ist eine Momentaufnahme. Performance ist eine Komposition aus Zeit, Raum und Energie. Der eigene Körper wird zum Material, der Körper schwingt mit der Energie des Tages. Keines der Komponenten ist wieder bringbar. Es ist ein einzigartiger Moment. Die Arbeiten sind eine Reminiszenz an den Augenblick, ein Dokument, ein Bruchstück einer Zeit. Der Entstehungsprozess ist das Ursprüngliche, man selbst ist ein Teil davon, das Ganze ist die Komposition. Ich suche das Ursprüngliche, möchte es ergreifen mit Haaren, Händen und Füßen. Das ist eine Methode, die meine Ratio ausschaltet und mich mit dem Sensitiven arbeiten lässt. Ich sehe nichts, aber ich fühle, was ich als Teil der Komposition tun soll. Video und Fotografie sind Artefakte und Dokumentation.“ (Isa Stein).

Christiane Spatt:
good day / bad day, 2022, Fotos, auf Alu-Dibond kaschiert, je 120 x 90 cm
so what, 2022, Fotos, auf Alu-Dibond kaschiert, je 90 x 50 cm
„Taschen unterschiedlicher Façon sind die Protagonistinnen der Fotoserien. Die Hand-, Bade- und Kosmetiktaschen sind alle getragen, haben mehr oder weniger erlebt, sind aufgeladen mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen und deren Speicher. Sie könnten Geschichten erzählen. Tun sie aber nicht. In good day / bad day werden die Taschen zu Köpfen, verschmelzen mit dem Körper. Muster und Textur ersetzen die Gesichtszüge, die sich nicht eindeutig lesen lassen. Spielerisch körperhafte Figuren bilden die Taschen für so what, suchen und finden ihre Balance – mehr oder weniger stabil – zumindest für kurze Momente. Nähe und Distanz, Beziehung und Positionierung basierend auf persönlichen Prägungen sind Themen, die meinen Arbeiten zugrunde liegt. Und das Wesen bzw. das Wesenhafte der Dinge.“ (Christiane Spatt)


Sylvia K. Kummer:
herz, 2023, pneumatisches Objekt, 330 x 290 x 250 cm, Courtesy Galerie district4art
herz aus stein, 2013, Grafit und Ölfarbe auf Papier, 17 x 12 x 8 cm
changer les perspectives, 2013, Fotografie, Mischtechnik auf Papier, Holz, je 38 x 24 cm
„Das Zentrum der Installation ist ein pneumatisches, begehbares Objekt: ein aufblasbarer Hohlkörper in Form eines anatomischen Herzens, der ungeschützt auf dem Boden in der Mitte eines Raumes liegt, prall und gut genährt, mit Leben erfüllt, oder verkümmert und ermattet, ohne Sauerstoffzufuhr und Interaktion von außen. Wie unser Herz ist unser Leben von Geben und Nehmen, einem gemeinsamen Tun, abhängig. Es wird ein physischer, metaphorischer, kommunikativer Raum im Raum geschaffen: Eine zugängliche Herzkammer als Metapher für lebensnotwendigen Austausch, die zur Interaktion einlädt. Es gibt Platz für Kontemplation, bietet Gelegenheit über die momentane Situation zu reflektieren, Visionen, Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen niederzuschreiben und das zu erkunden, wahrzunehmen und zu erspüren, wofür das Herz brennt. Das Objekt ermöglicht Projektionsflächen, bietet Geborgenheit, erweitert Grenzen, und zeigt durch seine Transparenz Innerstes, und auch Davor- und Dahinterliegendes. Die Botschaften können optional im Herz belassen werden und sind für jede:n während der Ausstellung zugänglich. Die Öffnung und Offenheit von Herz zu Herz kann somit stattfinden.“ (Sylvia K. Kummer)






